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  • Soziale Medien: Weniger sozial als gedacht?

    Soziale Medien gelten als zentrale Orte des Austauschs. Sie versprechen Teilhabe, Diskussion und direkte Kommunikation zwischen Nutzer:innen. Doch ein genauer Blick zeigt: Dieses Bild ist nur bedingt zutreffend. Denn obwohl viele Menschen soziale Medien nutzen, beteiligen sich nur vergleichsweise wenige aktiv an öffentlichen Diskussionen.

    Die Ergebnisse des Transparenz-Checks zeigen: Ein Großteil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt passiv. Sie lesen Inhalte, verfolgen Debatten, kommentieren aber selbst nicht. Nur 16 Prozent der Facebook-Nutzer:innen beteiligt sich aktiv an Diskussionen unter journalistischen Beiträgen. Bei TikTok und X sind es sogar nur 14 Prozent. Soziale Medien sind in dieser Hinsicht also weniger Orte des direkten Austauschs als vielmehr Räume der Beobachtung. Die erhoffte „soziale“ Interaktion bleibt für viele eher theoretisch.

    Diese Zurückhaltung hängt eng mit der Wahrnehmung der Debattenkultur zusammen. Viele Nutzer:innen erleben Diskussionen in Sozialen Medien als zugespitzt, konfliktgeladen und wenig konstruktiv. Konstruktive Debatten erscheinen selten, teilweise sogar kaum noch möglich.

    Die von uns begleitend durchgeführten Tiefeninterviews mit Community-Manager:innen und Social-Media-Redakteur:innen bestätigen diesen Eindruck. Die Inteviewpartner:innen nehmen eine zunehmende Polarisierung in den Kommentarspalten wahr. Konstruktive Debatten sind laut ihnen meist nicht möglich. Die Diskursqualität hängt häufig vom Thema ab, aber auch von der Plattform und dem Medium. Besonders bei polarisierenden Themen (z. B. Klima, Ukraine, Nahost, Migration) ist ein konstruktiver Austausch praktisch nicht möglich.

    Marlene Barduhn, Redakteurin Community & Social, Welt:

    Ich weiß nicht, ob Leute in Kommentarspalten überhaupt einen konstruktiven Austausch wollen. Ich glaube, viele Leute benutzen das einfach als Ventil, um irgendwas rauszulassen.

    Ein zentraler Grund dafür, dass viele keinen konstruktiven Austausch sehen und sich daher nicht beteiligen, ist der Tonfall. Unsere Untersuchung zeigt: Viele empfinden Diskussionen als aggressiv oder wenig zielführend. Als häufigster Grund für Nicht-Beteiligung an Diskussionen wird die aggressive Stimmung genannt. Häufig entsteht der Eindruck, dass ein eigener Beitrag „nichts bringt“ – eine Wahrnehmung, die dazu führt, dass sich Menschen bewusst gegen eine Beteiligung entscheiden. So verstärkt sich ein Kreislauf: Je weniger Menschen sich konstruktiv einbringen, desto stärker prägen extreme oder polarisierende Stimmen das Bild der Debatte.

    Abbildung: Gründe für Nicht-Beteiligung an Diskussionen in Sozialen Medien.

    Kein Wunder also, dass 64 Prozent der Ansicht sind, dass Soziale Medien aktuell kein Raum sind, in dem konstruktive Debatten möglich sind. Dabei ist der Anspruch an Soziale Medien ein anderer. Eine deutliche Mehrheit (71 Prozent) ist der Meinung, dass Plattformen Räume für konstruktiven Austausch sein sollten. Der Wunsch nach respektvollen, sachlichen Diskussionen ist also klar vorhanden. Gerade vor diesem Hintergrund sind die niedrigen Beteiligungsquoten problematisch: Sie zeigen, dass Anspruch und Wirklichkeit in digitalen Debattenräumen deutlich auseinanderklaffen.

    Ein wichtiger Hebel, um diese Lücke zu verkleinern, ist Moderation. In einem experimentellen Teil der Studie wurden den Befragten verschiedene Beiträge mit Kommentarbereichen vorgelegt. Die Kommentarbereiche wurden entsprechend manipuliert (z. B. mit kenntlicher Moderation), um die Bereitschaft zur Teilnahme an Online-Diskussionen und die Wirksamkeit von Moderationsstrategien und Kennzeichnungen zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass Moderation einen Unterschied machen kann – insbesondere dann, wenn sie für Nutzer:innen klar erkennbar ist. Wo Diskussionen moderiert werden und konstruktive Beiträge überwiegen, werden Debatten als respektvoller und ausgewogener wahrgenommen. Gleichzeitig sinkt das Unwohlsein, und die Bereitschaft zur eigenen Beteiligung steigt.

    Das deutet darauf hin, dass die Qualität von Online-Debatten kein Zufallsprodukt ist. Sie hängt maßgeblich von den Rahmenbedingungen ab, unter denen Diskussionen stattfinden. Wenn Plattformen klare Regeln setzen und deren Umsetzung transparent machen, kann das Vertrauen stärken und die Beteiligung fördern.

    Soziale Medien werden oft als „soziale Räume“ beschrieben. Als Orte öffentlicher, konstruktiver Diskussionen mit anderen Nutzenden bleiben sie jedoch hinter diesen Erwartungen zurück. Nur ein kleiner Teil der Nutzer:innen beteiligt sich aktiv an Debatten. Die Debattenkultur wird häufig als zugespitzt und wenig konstruktiv wahrgenommen, was dazu beiträgt, dass sich viele Menschen nicht einbringen. Gleichzeitig zeigt sich ein klarer Wunsch nach einem respektvolleren Umgangston – und damit nach digitalen Räumen, die ihrem Anspruch als Orte des Austauschs stärker gerecht werden.

    Für die Medienanstalten ergibt sich daraus ein zentraler Auftrag: Rahmenbedingungen zu stärken, die konstruktiven Austausch fördern und Beteiligung ermöglichen. Denn soziale Medien prägen die öffentliche Meinungsbildung maßgeblich – entscheidend ist jedoch, unter welchen Bedingungen dieser Austausch stattfindet und wer sich daran beteiligt.

    Über die Studie

    pollytix strategic research gmbh führte im Auftrag der medienanstalten vom 5. bis 14. Dezember 2025 eine repräsentative Online-Studie unter Internetnutzer:innen in Deutschland durch. Insgesamt wurden 3.003 Personen ab 16 Jahren befragt. Ziel der mehrstufigen Studie war es, ein breites Verständnis von Nutzer:innen und ihren Einstellungen zu Diskursräumen unter journalistisch-redaktionellen Beiträgen in Sozialen Medien zu erlangen. Die quantitative Befragung diente zur Validierung der qualitativen Befunde und vertiefte einige Aspekte. Für weitere Analysen wurden zudem Fragen zu soziodemographischen Angaben, beispielsweise Alter, Bildung oder Wohnort, sowie Fragen zu Mediennutzung, Medienwissen im Detail gestellt.

    Zusätzlich wurden zwischen dem 23. September 2025 und dem 6. November 2025 insgesamt 11 Tiefeninterviews mit Social Media Redakteur:innen, Social Media Community Manager:innen sowie Expert:innen im Bereich Social Media geführt. Die Tiefeninterviews fanden via Online-Meeting statt.  Als weiteres Element wurde eine Inhaltsanalyse von 6.485 Kommentaren unter 39 Beiträgen von Bild, der Spiegel, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit auf Facebook, Instagram und YouTube durchgeführt. Der Analyse-Zeitraum der Beiträge umfasste den 30.6.-30.7.2025.